Windea Leibniz – das „walk-to-work“-Vessel

Interview mit Matthias Müller, Managing Director von Bernhard Schulte Offshore

 

Copyright: Bernhard Schulte Offshore GmbHHerr Müller, im April wurde die „Windea Leibniz“ an Siemens zum Betrieb und zur Wartung des Offshore-Windparks „Sandbank“ in der Deutschen Bucht übergeben. Was macht dieses Schiff so besonders?

Die Idee, Schiffe mit Übernachtungsmöglichkeiten und einer Gangway auszustatten, um damit im Windpark zu arbeiten, ist nicht neu. Wir haben aber mit der „Windea La Cour“ und der „Windea Leibniz“ die nächste Generation der sogenannten „Service Operation Vessels“ in Dienst gestellt. Wir bieten nicht nur ein Bett für die Nacht sondern einen kompletten Hotelbetrieb mit Vollpension und Wäschereiservice, in dem jeder Gast eine Einzelkabine mit Bad sowie Fernseher und Internetanschluss hat. Die Personen- und Warenwege an Bord sind optimiert worden. Beispielsweise kann ein Techniker nun sein Werkzeug mit einem Trolley aus dem Lagerhaus im Bauch des Schiffes mittels Lift und über eine Gangway zur Windenergieanlage fahren.

Vor ihrer Übergabe wurde die „Windea Leibniz“ in Cuxhaven von der Mützelfeldtwerft fertig ausgestattet, zum Beispiel mit einem Bordkino und Popcornmaschine. Wie viel Zeit verbringen die Crew und die Technikteams auf dem Schiff? Sieht so der Offshore-Arbeitsplatz von morgen aus?

Die Techniker sind zwei Wochen an Bord und haben dann zwei Wochen frei. Da sie zwölf Stunden am Tag arbeiten, ist es wichtig, ihnen am Abend auch etwas Abwechslung und Entspannung zu bieten. Würden die Techniker täglich von Land aus pendeln, würden bei weit von der Küste entfernten Windparks täglich zwei bis vier Stunden Arbeitszeit verloren gehen. Auf unserem Schiff wacht der Techniker morgens im Windpark auf und geht ausgeruht zur Arbeit. Da die „Windea Leibniz“ nicht nur ein Hotel sondern auch ein schwimmendes Lager ist, stehen bei Störungen neben dem Techniker auch alle benötigten Ersatzteile im Windpark zur Verfügung. Das führt zur schnelleren Reparatur und somit zu mehr Stromerzeugung.

Wie verläuft ein typischer Einsatz der „Windea Leibniz“ auf dem offenen Meer und welche Vorteile bietet das Schiff mit seinen besonderen Fähigkeiten?

Jeden Morgen werden im halbstündigen Takt Wartungstrupps auf die Windenergieanlagen verteilt und am Abend wieder abgeholt. Mit Hilfe des „Dynamic-Positioning-System“, welches die fünf Propeller kontrolliert, bleibt das Schiff im Abstand von circa 19 Metern sicher neben der Windenergieanlage stehen. Dann wird die Gangway ausgefahren und ein sicherer Weg zwischen Schiff und Windenergieanlage hergestellt. Durch eine ausgeklügelte Mechanik und Software gleicht die Gangway die Roll- und Stampfbewegungen des Schiffes in den Wellen aus, so dass die Gangway immer mit der Anlage verbunden bleibt und ein sicherer Übergang zur Anlage gewährleistet ist.

Kann diese Art von Schiffstyp auch für andere Projekte auf dem Meer eingesetzt werden?

Diese auch “walk-to-work”-Vessel genannten Schiffe haben sich zwar erst im Zuge der Inbetriebnahme und Wartung von Windenergieanlagen etabliert, sie werden aber sicher auch in anderen Bereichen Einzug halten. Immer wenn Personen und Material schnell und sicher auf eine feste oder schwimmende Plattform gebracht werden müssen, sollte man diese Schiffe in Betracht ziehen. Ein interessanter Anwendungsfall könnte zum Beispiel der Rückbau der über 200 Öl- & Gas-Plattformen sein, die in den nächsten 20 Jahren in den Gewässern Großbritanniens zurückgebaut werden müssen.

 

 

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