„Die Welt kommt zu uns“

Interview mit Martin Struwe, Seemannsdiakon und Leiter der Deutschen Seemannsmission Cuxhaven

Martin Struwe Deutsche Seemannsmission CuxhavenHerr Struwe, die Deutsche Seemannsmission Cuxhaven startet jedes Jahr ihre Aktion „Weihnachten am Ohr“. Was verbirgt sich dahinter?

Weihnachten ist eine nicht ganz einfache Zeit für Seeleute, da sie oft von ihren Familien getrennt sind. Bei der vor acht Jahren gestarteten Aktion „Weihnachten am Ohr“ spenden Menschen vor Ort Telefonkarten, die wir an Seeleute verschenken. Diese sind ja nicht im eigentlichen Sinne bedürftig aber wir schenken ihnen Zeit – Zeit, mit ihren Familien und Freunden zu Weihnachten zu telefonieren. Mit etwa 70 Telefonkarten im ersten Jahr hat die ganze Aktion übrigens ganz klein angefangen. Heute verteilen wir um die 1.000 Karten.

Manchmal wird es hinterfragt, ob Telefonkarten noch Bedeutung haben, es hätte heute doch jeder Internet. Es gibt Schiffe, die das in der Tat ihren Mannschaften anbieten können. Aber wir erleben es so, dass das momentan noch die absolute Minderheit ist. Daher sind die Karten ein sinnvolles Geschenk. Mittlerweile ist die Aktion „Weihnachten am Ohr“ den Menschen in Cuxhaven ein Begriff, es gibt Leute die schon Mitte November Spenden für Karten oder Kalender vorbeibringen. Denn wir sammeln auch Jahres-Kalender und verschenken diese, da sie aus unserer Erfahrung Mangelware an Bord sind.

Zudem haben wir auch in diesem Jahr wieder einen Weihnachtsbaum in unserem Club aufgestellt, da ein Foto vor dem geschmückten Baum bei uns ziemlich begehrt ist. Auch wenn nicht alle Seeleute aus Ländern kommen wo es diese Tradition gibt, kommen sie doch auch her, um zu erleben, wie wir Weihnachten in Deutschland feiern. Und das ist eigentlich immer schön zu sehen.

Was macht die Seemannsmission konkret zu Weihnachten?

Am Heiligabend selbst sind wir ab morgens mit zwei Gruppen im Hafen unterwegs und besuchen die Schiffe. Unterstützt werden wir dabei von Kindern, die Musik machen. Das schafft zusammen mit den mitgebrachten Geschenken eine schöne Weihnachtsatmosphäre. Es berührt die Seeleute sehr – und die Rückmeldung hierzu ist Jahr für Jahr großartig. Da hatten wir in den letzten Jahren auch tolle Erlebnisse, bei denen Seeleute spontan auch etwas für uns gesungen haben.

Seit vielen Jahren mit dabei ist auch Oberbürgermeister Dr. Getsch, dem es sehr wichtig ist, dass die Menschen an Land und auch die Stadt Cuxhaven um die Bedeutung der Seeleute wissen. Zugleich merken die Seeleute konkret, dass an sie gedacht wird. Wenn wir dann alle Schiffe besucht haben, fahre ich noch eine Runde durch den Hafen und besuche die Pförtner, die Wasserschutzpolizei und den Schleusenwärter und wünsche frohe Weihnachten. Das gehört auch dazu. Unser eigenes Weihnachtsessen für die Mitarbeiter haben wir dann im Januar, wenn wir etwas zur Ruhe kommen.

An den Weihnachtstagen selbst hat die Seemannsmission übrigens wie immer geöffnet. Einen festen Gottesdienst gibt es nicht, sondern dieser wird spontan nach den Wünschen der Seeleute auf den Schiffen oder in einer der Kirchen der Stadt gefeiert. Viele Seeleute nutzen die Chance, in eine richtige Kirche zu gehen – dort sind das Gefühl und die Kraft des Gottesdienstes noch einmal anders.

Wie gestaltet sich der Alltag in der Seemannsmission und wie kann man sich diese Mission vorstellen?

Unsere Mission hat zwei Zimmer, die zuweilen von Seeleuten genutzt werden, während sie auf ihren Transfer per Flugzeug oder auf das nächste Schiff warten. Aber unsere Hauptaufgabe ist vor allem die Möglichkeit zur Kommunikation - in der Gemeinschaft oder nach Hause. Diejenigen, die in den Club im Grünen Weg kommen, sind vorrangig damit beschäftigt mit ihren Familien Kontakt aufzunehmen. Die Ausnahme sind Seeleute von Offshore-Schiffen. Diese Schiffe sind in der Regel recht gut mit WLAN ausgestattet. Die Besatzungen suchen daher vor allem einen Tapetenwechsel, um etwas anderes zu sehen, ein paar neue Leute zu treffen und sich zu unterhalten. Dann sitzt man zusammen, kommt übers ein oder andere ins Gespräch. Es gibt bei uns eine Gitarre, die für Musik genutzt werden kann. Außerdem gibt es Karaoke, was besonders bei den Philippinern beliebt ist.

Natürlich bieten wir auch Seelsorge an, doch dies ist nicht immer der Fokus. Oft hilft man den Seeleuten ganz einfach bereits durch praktische Leistungen, wie die Verfügbarkeit einer stabilen Internetfunktion, eines Computers oder eines Raums zum Zurückziehen. Oftmals hilft es auch ganz einfach, einmal jemand anderes kennenzulernen, sich auszutauschen oder gemeinsam Zeit zu verbringen – denn auf dem Schiff ist man ja nicht selten für längere Zeit mit denselben Leuten zusammen.

Wir sind personell so gut ausgestattet, dass wir es schaffen, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben und die anlaufenden Schiffe abzudecken. Und der Hafen ist so klein - anders als Hamburg oder Bremerhaven, dass wir tatsächlich die Chance haben, alle Schiffe zu besuchen. Neben mir gibt es bei uns noch eine Soziologin, Martina Schindler. Dann haben wir noch eine junge Frau, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr bei uns absolviert, sowie ein Team von neun Ehrenamtlichen. Damit können wir 1.000 bis 1.500 Gäste pro Jahr betreuen. Die Welt kommt zu uns, und das macht es einfach für alle spannend.

Und was wünscht sich die Seemannsmission zu Weihnachten?

Eigentlich ist das ganz einfach – auch wenn wir hier im Moment gerade am Renovieren sind. Wir wünschen uns brauchbare Räume, die zentraler im Hafen gelegen sind. Das wissen die meisten Cuxhavener, aber es fällt tatsächlich schwer, im Hafen eine Stelle zu finden, an der uns mehr Leute auch zu Fuß erreichen können. Das senkt die Hemmschwelle, weil es etwas anderes ist, ob ich weiß, ich kann da mal eben hingehen, oder erst einen Bus anrufen muss. Optimal wäre es irgendwo in der Baudirektor-Hahn-Straße, an der Nord-Seite des Neuen Fischereihafens. Ich bin überzeugt: Eine Räumlichkeit näher an den Hafenterminals hätte noch einmal einen größeren Effekt für die Seeleute. In meiner Arbeit habe ich nämlich gemerkt, dass es eben das Bedürfnis nach einem Gespräch gibt mit einem von außen, dem man vielleicht auch Sachen erzählen kann, die man nicht an Bord erzählen mag. Weil man weiß, der behält das für sich.

 

 

 

Newsletter abonnieren