Fischwirtschaft Cuxhaven: Auf der Suche nach neuen Wegen und Märkten

Interview mit Bodo von Holten, Vorsitzender der Fischwirtschaftlichen Vereinigung Cuxhaven e.V.

Copyright BiocevalHerr von Holten, die neue Fischereisaison hat im September begonnen. Wie geht es der Fischereibranche in Cuxhaven?

Leider nicht so gut. Die Frischfischanlandungen in Cuxhaven gehen weiterhin zurück und verlagern sich zunehmend nach Dänemark und in die Niederlande. Der Grund ist ganz einfach: die Anzahl der Tage, die Fischer auf dem Meer zum Fischfang verbringen dürfen, sind begrenzt und eine Fahrt bis nach Cuxhaven zur Ablieferung des Fangs kostet wertvolle Seetage. Für die Fischer ist es effizienter, ihre Ware in Häfen abzuliefern, die den Fanggebieten am nächsten sind. Dort werden die Fische dann direkt verarbeitet und per Lkw oder Flugzeug weitertransportiert. Für die Fischer rentiert sich die Fahrt nach Cuxhaven einfach nicht mehr. Diese Problematik spiegelt sich deutschlandweit wieder: Der Hauptumschlagsplatz für Frischfisch in Deutschland – früher war es die Nordregion mit Hamburg, Bremen und Cuxhaven – ist heute der Flughafen in Frankfurt am Main.

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Fischereiboote, auf denen der Fisch direkt nach dem Fang auf See tiefgefroren wird. Diese Schiffe bringen ihre Ware weiterhin direkt nach Cuxhaven, wo der Fisch in den Tiefkühllagern aufbewahrt wird, bevor es zur Verarbeitung – zum Beispiel zu den allseits bekannten Fischstäbchen – weiter geht. Deshalb rentieren sich auch Erneuerungen wie die neue Kälteanlage im Tiefkühlhaus III, die im Oktober übergeben wurde. Bei diesen Erneuerungen geht es insbesondere um die Steigerung der Energieeffizienz der Anlagen.

Auf der Nationalen Maritimen Konferenz im Oktober hatte Kanzlerin Merkel viele Versprechungen für die Maritime Branche im Gepäck. So sollen deutsche Seeleute mehr Unterstützung erfahren. Welche Auswirkungen hat dies auf die Fischwirtschaft?

Die Steuererleichterung für die Anstellung deutscher Seeleute wird nur für die internationale Schifffahrt gelten – nicht aber für die Küstenschifffahrt und Küstenfischerei. Das hat Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Ende Oktober auf einer Veranstaltung des nautischen Vereins in Cuxhaven klar gestellt. Obwohl wir uns von der Nationalen Maritimen Konferenz ebenfalls Verbesserungen und Vorteile erhofft hatten, wurde die Fischwirtschaft sehr enttäuscht.

In Cuxhaven gibt es zum einen große, auch international agierende Fischfang- und Fischverarbeitungsunternehmen, zum anderen kleine, regionale Betriebe. Die großen in Cuxhaven niedergelassenen Unternehmen stehen in einem harten Wettbewerb – mit ihren internationalen Schwesterbetrieben (Benchmarking) ebenso wie mit der internationalen Konkurrenz. Beide profitieren unter anderem von niedrigeren Steuern und Lohnkosten in den anderen Ländern. Wir haben in den vergangenen Jahren eine starke Abwanderung dieser großen Unternehmen in Cuxhaven verzeichnet. Weiter steigende Steuern und Kosten, zum Beispiel für Energie und Abwasser, setzen die verbleibenden Unternehmen zusätzlich unter Druck.

Positiver sieht die Situation bei Kleinbetrieben aus, die ihren lokal gefangenen Fisch in der Region verarbeiten, vermarkten und verkaufen. Vor allem durch den Tourismus werden diese Unternehmen unterstützt. Viele betreiben kleine Bistros oder Restaurants direkt am Hafen und veranschaulichen Touristen auf diese Weise den traditionellen Alltag der Fischereibranche.

Cuxhaven ist durch den Offshore-Ausbau in aller Munde, ist aber auch Deutschlands zweitgrößter Fischereihafen. Wie sieht die Zukunft dieses Wirtschaftsbereichs für den Standort aus?

Langfristig gesehen werden sich eher die kleineren Betriebe in Cuxhaven halten können, da sie ihren vor Ort gefangenen Fisch regional gut vermarkten können. Sie werden somit vom internationalen Wettbewerb nicht so schwer beeinträchtigt wie die international agierenden Unternehmen. In der Fischverarbeitung ist es ähnlich: Von ehemals sieben Fischmehlwerken in Norddeutschland ist mittlerweile nur noch eines übrig. Jährlich werden in Cuxhaven über 100.000 Tonnen Fisch verarbeitet – ein Großteil kommt heutzutage jedoch aus Aquakultur statt aus der Fischerei.

Um rentabel zu bleiben, bemüht sich die Fischwirtschaft, neue Wege zu finden: Zum einen wurden die Fanggebiete der Fischerei ausgeweitet und erstrecken sich nun über die deutsche Küste hinaus bis nach Polen. Zum anderen versuchen die Fischverarbeitungsbetriebe neue Nischenmärkte zu erschließen. So hat die Lipromar GmbH Anfang des Jahres beispielsweise eine neue Produktionsanlage für Fischöle und funktionelle Fischproteine in Lebensmittelqualität in Betrieb genommen. Hier werden Fisch-Nebenprodukte aufgrund ihrer wertvollen Inhaltsstoffe wie den Omega-3-Fettsäuren zu sortenreinen Fischölen und funktionelle Fischproteine zu Pulvern verarbeitet, die als Nahrungsergänzungsmittel verwendet werden (Anm. d. Red.: Nachzulesen im HWG-Newsletter 01/2015).

Als neuen Nischenmarkt entwickelt das Unternehmen nun Fischöle mit verschiedenen Aromen, die im Bereich „Health & Wellness“ zum Beispiel in der Gourmetküche wie auch in Sportlernahrungsmitteln Verwendung finden. Diese Produktion gibt es derzeit nur in Cuxhaven. Natürlich braucht es Zeit, um neue Märkte, Kunden und Produkte zu erschließen. Im Fall der Fischöle läuft diese Markterschließung gut. Das Unternehmen bewirbt als Mitglied der Fischwirtschaftlichen Vereinigung das Produkt zurzeit auf vielen internationalen Messen. Im Oktober war Lipromar auf der Anuga in Köln, demnächst geht es zur Fish International in Bremen und zur Internorga in Hamburg.

Die Fischwirtschaft sucht sich also trotz vieler Hindernisse und Rückschläge immer neue Wege, sich zu entwickeln und über Wasser zu halten.

 

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