Das Siemens-Projekt: „Wir sind immer am Ball geblieben“

Interview mit Dr. Hans-Joachim Stietzel, Leiter der Agentur für Wirtschaftsförderung Cuxhaven

Herr Dr. Stietzel, der Vertrag mit Siemens war ein großer Gewinn für die Wirtschaft und den Standort Cuxhaven. Wie resümieren Sie die letzten Jahre und das positive Ergebnis?

Die Standortsuche von Siemens begann bereits im Mai 2008. Damals waren über 50 Hafenstandorte in Europa im Rennen und der Auswahlprozess hat sich über viele Jahre hingezogen. Nachdem sich Siemens im März 2014 für den englischen Standort Hull für die Rotorblatt-produktion entschieden hatte, war der Konzern danach aber weiterhin auf der Suche nach einem Standort für die Turbinenproduktion. Wir, die Agentur für Wirtschaftsförderung (AfW) sowie viele weitere Beteiligte, haben in den ganzen Jahren fortwährend sehr intensiv unseren Standort beworben, empfingen viele Delegationen von Siemens Windpower vor Ort und haben auch immer wieder Initiativeinladungen ausgesprochen. Wir sind immer am Ball geblieben, sodass sich letztlich diese Beharrlichkeit sowie natürlich die harten Standortfaktoren ausgezahlt haben.

Das entscheidende Kriterium für Cuxhaven war, dass die Offshore-Basis bereits fertig ist und dass wir der einzige deutsche Hafen an der Nordseeküste sind, der über zwei fertige Offshore-Terminals verfügt. Entscheidend war natürlich auch die Unterstützung des Landes Niedersachsen. Hier haben uns sowohl die vorherige als auch die jetzige Landesregierung in Cuxhaven erheblich beim Aufbau der Offshore-Basis unterstützt. Dies hat dazu geführt, dass wir jetzt die führende Position in diesem Bereich innehaben. Das ganze Projekt ist natürlich in Teamwork entstanden. Die Agentur für Wirtschaftsförderung hat die gesamte Bewerbung koordiniert und den Informationsaustausch mit allen weiteren Beteiligten sichergestellt. Auch mit dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium und NPorts haben wir eine sehr gute Zusammenarbeit erlebt. So wurden wir Finalisten und haben letztendlich die Standort-Ansiedlung gewonnen. Die Verhandlungen waren über Monate sehr intensiv und wir standen in täglichem Kontakt mit Siemens. Es war für das ganze Team eine sehr emotionale Achterbahnfahrt und umso größer war nachher die Freude, als verkündet wurde, dass das Werk wirklich in Cuxhaven gebaut wird.

Wie haben Sie den Moment empfunden, als Sie die Nachricht bekommen haben?

Unser Oberbürgermeister Dr. Getsch hat den entscheidenden Anruf bekommen und hat mich dann auch sofort angerufen. Nach so vielen Jahren braucht es eine gewisse Zeit, um die gesamte Dimension und Relevanz dieser Entscheidung überhaupt zu verarbeiten. Die Freude war dann natürlich riesengroß. Wir haben es noch nicht geschafft, eine richtige Party zu veranstalten, weil es ja gleich ruckzuck weiterging und wir wie auch der Siemens-Konzern ja unter großem Zeitdruck stehen, alles bis 2017 vorzubereiten. Wir planen aber noch eine Feier, wo wir das ganze Projekt gebührend im Kreis derjenigen, die daran mitgearbeitet haben, ein bisschen sacken lassen werden.

Im nächsten Schritt werden die Arbeitsgruppen die Ansiedlung weiter betreuen. Welche Aufgaben kommen in diesem Zusammenhang auf Sie zu und welche Hürden gilt es zu meistern?

Es gibt zwei Arbeitsgruppen, die von der AfW koordiniert werden. Die erste Arbeitsgruppe ist hauptsächlich für den Baubereich zuständig, also die Errichtung der Produktionsstätte. Die Halle wird 45.000 m2 umfassen und es gibt einen stringenten Zeitplan. Es muss also jetzt relativ schnell mit Teilbaugenehmigung gearbeitet werden, um erst den Tiefbau zu beginnen, das bedeutet die Festigung der aufgeschütteten Fläche, und danach auch den Hochbau, also die Errichtung der Halle selbst. Da spielen natürlich viele Aspekte eine Rolle, es sind viele Fachbereiche der Stadt beteiligt. Unsere Aufgabe ist es, ein fester Ansprechpartner für Siemens zu sein und in direktem Kontakt und so schnell wie möglich alle auftretenden Probleme zu lösen. Hier haben wir viel Erfahrung aus vorherigen Ansiedlungen wie AMBAU und CSC gesammelt, die sich jetzt bezahlt machen.

Die zweite Arbeitsgruppe besteht aus der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter sowie den berufsbildenden Schulen in Cuxhaven und beschäftigt sich mit der Arbeitskräfte-Rekrutierung. Schon seit einigen Monaten arbeiten wir hierzu mit der Siemens Human Resources-Abteilung zusammen. Wir haben ein Fachkräftekonzept entwickelt, das wir jetzt nach und nach umsetzen. Siemens hat auf der HUSUM Wind bereits die Windcareer-Jobmesse genutzt, um für neue Arbeitskräfte zu werben. Zusammen mit Siemens haben wir die nächsten Schritte konzipiert und treffen uns in regelmäßigen Abständen. Es soll natürlich bundesweit geworben werden, denn der Bedarf ist mit bis zu 1.000 Arbeitskräften sehr groß. Beispielsweise werden Ingenieure, Mechaniker, Elektriker, Logistiker sowie Fachkräfte für das Qualitätsmanagement gesucht. Detaillierte Beschreibungen finden Bewerber auf einer von Siemens speziell für den Standort Cuxhaven erstellten Webseite www.siemens.de/cuxhaven-jobs.

Die Arbeitsatmosphäre mit den Vertretern von Siemens Windpower und Siemens Real Estate ist sehr angenehm und vertrauensvoll. Sicherlich ist ein Bauvorhaben in solcher Dimension sehr komplex, schließlich soll hier die weltweit größte und modernste Produktionsstätte von 7 Megawatt Offshore-Turbinen errichtet werden. Zudem müssen die logistischen Fragen zusammen mit NPorts geklärt werden und in Zusammenarbeit mit Siemens die Zuliefererstruktur aufgebaut werden. Hierfür müssen ebenfalls die notwendigen Flächen bereitgestellt werden. Am Liegeplatz 9 wird für Siemens jetzt noch eine RoRo-Rampe am Offshore-Terminal II errichtet, um von dort die Turbinen per RoRo zu verschiffen. Das gesamte Terminal, dessen Bau damals für Strabag begonnen hatte, wird jetzt von NPorts nutzerorientiert fertiggestellt.

Wofür haben Sie die Messe HUSUM Wind, auf der die AfW an einem Cuxhavener Gemeinschaftsstand vertreten war, vorrangig genutzt?

Für die Wirtschaftsförderung geht es auf Messen wie der HUSUM Wind vor allem um Kontaktanbahnungen, die Netzwerkpflege, die Erstellung von Angeboten – denn wir sind ja nicht nur ein Standort für die Produktion von Windkraftanlagen, sondern auch für die Offshore-Logistik. Man muss einfach immer am Markt bleiben. Um uns als Offshore-Logistikstandort zu profilieren, sind wir dieses Mal mit den Unternehmen Otto Wulf, Cuxport und dem Sea-Airport aufgetreten. Natürlich stehen momentan im Rahmen der Ansiedlung auch die Zulieferer im Fokus. Hierzu bieten wir Standortinformationen an. Die Auswahl übernimmt dann Siemens selbst.

Auf der Messe haben wir eine sehr positive Stimmung erlebt. Es war uns wichtig, uns über neue Entwicklungen der Branche zu informieren und uns ein Bild zu machen, was im Markt momentan relevant ist, wo gesucht wird und wo weitere Nischen für den Standort entstehen können. Der Bereich Service und Wartung ist für uns ebenfalls sehr interessant. Beispielsweise werden die auf Helgoland stationierten Crew-Transfer-Vessels regelmäßig über Cuxhaven versorgt. Das ist ein wichtiges Standbein, welches wir ausbauen wollen. Auch die Leistungsangebote des Offshore Safety Training Centers haben sich sehr gut entwickelt und sind ein weiterer Baustein im Gesamtbild der Offshore-Basis.

Das Thema Offshore gewinnt in Cuxhaven also immer weiter an Bedeutung. Anfang Dezember wird in Cuxhaven hierzu ein Wirtschaftstreffen stattfinden, auf dem der für den Aufbau des Werkes zuständige Projektleiter von Siemens aus erster Hand von den weiteren Plänen in Cuxhaven berichten wird. Hierzu werden sowohl die Hafenwirtschaft als auch die Presse eingeladen.

 

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