Rettungseinsatz im Mittelmeer: HWG-Mitglied Bremer Reederei berichtet

Interview mit Arne Ehlers, Geschäftsführender Gesellschafter der Bremer Reederei E & B GmbH

Arne Ehlers (Copyright Bremer Reederei)Herr Ehlers, die Bremer Reederei ist selbst mit sieben Schiffen im Fahrgebiet Nordafrika im Einsatz. Wie häufig kommt es vor, dass Ihre Schiffe Flüchtlinge aufnehmen?

Die Flüchtlingsproblematik vor Nordafrika, namentlich von Libyen in Richtung Italien, besteht ja schon eine ganze Weile. Es scheint aber in der Tat aktuell einen erheblichen Anstieg zu geben. Je näher man der libyschen Küste kommt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass man auf Flüchtlingsboote trifft. Bisher haben wir uns einmal an einer Suchaktion beteiligt und am 20. April 2015 90 Flüchtlinge an Bord genommen.

Von wem erhalten Sie den Auftrag für die Einsätze und was passiert bei einer Rettung?

Bisher sind wir von der italienischen Küstenwache bei Suchaktionen und Aufnahme von Flüchtlingen um Mithilfe gebeten worden. Der gesamte Einsatz wird eng mit der italienischen Küstenwache abgestimmt und sie übermittelt die Koordinaten, wo zum Beispiel von Flugzeugen zur Seeraumüberwachung Schiffe oder Boote mit Flüchtlingen gesichtet wurden. Dann weicht das Handelsschiff von seiner geplanten Route ab und begibt sich zu der angegebenen Position. Hier nähert man sich vorsichtig und je nach Wetterverhältnissen dem Flüchtlingsschiff. Es kann passieren, dass das Flüchtlingsschiff dann versucht zu fliehen, da die Flüchtlinge ja nicht in italienisches Gewahrsam genommen werden wollen. In so einem Fall darf man nur in der Nähe des Flüchtlingsschiffes bleiben, um Hilfe anzubieten. Die Übernahme der Flüchtlinge darf aus juristischen Gründen nicht erzwungen werden. Erst wenn sie entschieden haben, die Hilfe anzunehmen und freiwillig an Bord kommen wollen, dürfen die Flüchtlinge an Bord genommen werden. Dort werden die Flüchtlinge bestmöglich versorgt. Die italienische Küstenwache gibt dann weitere Anweisungen und beordert das Schiff zur Übergabe der Flüchtlinge zum Beispiel zu einem Treffpunkt auf See, wo italienische Küstenwach- oder Marineeinheiten die Flüchtlinge aufnehmen.

Welche Risiken gibt es bei solchen Einsätzen und was könnte Ihrer Meinung nach getan werden, um die Situation speziell für die Reeder zu verbessern?

Die Risiken für den Kapitän und die Besatzung sind nicht zu unterschätzen. Wenn ein Schiff mit 12 - 15 Mann Besatzung 90 Flüchtlinge an Bord nimmt, kann man sich viele Szenarien vorstellen. Aus Sicherheitsgründen und auch zur genauen Aufnahme der geretteten Flüchtlinge wird jede Rettung von der italienischen Küstenwache genau dokumentiert. Trotzdem bleibt jede Rettung auch versorgungs- und wettertechnisch ein heikles und zeitintensives Manöver. Wir sind daher unseren Kapitänen und deren Besatzungen für die geleistete Arbeit unter diesen Bedingungen sehr dankbar.

In erster Linie geht es darum, Menschenleben zu retten – dies ist seit alters her für Seeleute jeder Nation und jeden Glaubens eine heilige Pflicht. Problematisch wird die Situation natürlich, wenn es sich nicht mehr um vereinzelt in Seenot geratene Schiffe handelt, die Hilfe benötigen, sondern wenn von kriminellen Schleusern Boote in großer Stückzahl eingesetzt werden, die schon vor Antritt der Überfahrt seeuntauglich sind, und so Notfälle wissentlich provoziert werden. Hier ist die Handelsschifffahrt überfordert, was ja auch die gewaltigen Zahlen der Flüchtlinge an Bord der Schiffe belegt. Natürlich ist jedes Schiff mit Proviant für einen gewissen Zeitraum ausgerüstet und dies reicht bei einer Rettung zumindest für eine erste Notversorgung. Es gibt aber bereits Überlegungen, die Schiffe vorsorglich mit ausreichend Decken, abgepackten Keksen und Wasserflaschen auszustatten, doch diese müssten wir selbst finanzieren. Natürlich werden wir uns zur Unterstützung auch an Hilfsorganisationen wenden, dennoch sind die Mittel begrenzt.

Helfen müssen alle Schiffe im Seegebiet, aber die Hauptlast müssen Küstenwache und Marine welcher Länder auch immer übernehmen. Bei wiederholten langwierigen Such- und Rettungsaktionen muss auch über eine Kostenbeteiligung zugunsten der Handelsschifffahrt nachgedacht werden.

Newsletter abonnieren